Schleichender Wahnsinn

Jutta Gleue erzählt leise und behutsam eine Parabel auf die Allgegenwart unserer Toten, die blass, aber nicht als bloße Schemen auftreten, mit klar umrissener Kontur, nur äußerlich einer vergangenen Epoche zuzuordnen. Sie pochen auf ihre Rechte, machen ihren Einfluss geltend. Eine anspruchsvolle Inszenierung, die den auftretenden Personen lebendige, also in jede Richtung veränderbare Charaktere ermöglicht und den Toten eine Geschichte post mortem. Der Tod als Durchgang zur Imago. Psychogramme mit der Tiefenschärfe Ibsens, die den Blick in generationenübergreifende Zeitverflechtungen erlauben. Die Regisseurin schildert an Hermann die Geschichte eines Verfalls, in der das Vollbild dort erscheint, wo es hingehört: ans Ende. Ein nachwirkendes Crescendo des Schreckens. Kein Sturm am Anfang, keine äußeren Erschütterungen, keine Brandstiftungen am Gebäude der eigenen bürgerlichen Existenz. Die Vorboten gleichen einem sanften Sausen, es zeigen sich die ersten Haarrisse im Gefüge der Welt und brennend ist anfangs nur die Sehnsucht nach der Unerreichbaren. Der Tod der Gräfin unspektakulär, ihr Auftritt danach ohne jeden Spuk.

Bettina Merz setzt die Ungleichzeitigkeiten um in stilvolle, typologische Kostüme. Wenn der Chor als Schachbauern auftritt, weil im Spiel des Lebens Menschen geopfert und verschoben werden, sieht das drollig und zugleich bedrohlich aus. Die verfügbare Masse für den Gulag wie dessen Aufsichtspersonal. Die russische Männerseele tauscht die Kleider, bleibt sich selbst treu, im Bojarenpelz wie in der Trotzkiuniform und – auch dieser Schoß ist fruchtbar noch - in der Ausstattung der Volksarmee.

Thomas Dörflers stimmiges Bühnenbild arbeitet durchgehend mit einer Bande, im ersten Bild als Begrenzung einer Eisbahn auf der zugefrorenen Newa, Symbol für das abschüssige glatte Parkett des Lebens, und die Möglichkeit, jederzeit und unerwartet einzubrechen. Die Bande trennt und hebt andererseits scheinbar unüberwindliche Trennungen auf (indem sie selbst aufgehoben, durchbrochen, in die Höhe gezogen wird): Zwischen Lebenden und Toten, Schuld und Unbeabsichtigtem, Vergangenheit und Gegenwart, attestierter Gesundheit und unterschwelligem, schleichendem Wahnsinn, zwischen Gut und Böse. Dazu verstellbare Holzwände, deren Fenster keine Perspektive eröffnen.

Till Hass, Erster Kapellmeister am Pfalztheater, führt das Orchester zu einer seelenvollen Tschaikowski-Interpretation. Er vermeidet jeden klanglichen Slawenpomp, arbeitet fein und differenziert die subtilen Stimmungen heraus, um bei der Katastrophe das Forte zu beschwören.

99 Premieren am Pfalztheater Kaiserslautern - die Bilanz der Gräfin, Kammersängerin Geertje Nissen. An diesem Abend zum letzten Mal als Mitglied des Ensembles. Unglaublich präsent, anrührend und ergreifend. Mit einer vollendeten Körpersprache, die für sich spricht. Sie spielt nicht die Gräfin, sie ist die Gräfin. Eine weiterhin überaus ansprechende Stimme, in die sie alle Facetten ihrer großen Seele legt. Gänsehaut pur! Steffen Schantz in der Rolle des Hermann bringt seinen herrlichen lyrischen Tenor ein in diese große Rolle und zeigt, welche Entwicklung seine Stimme im dramatischen Fach genommen hat. Wie er den schleichenden Wahnsinn spielt, sich wandelt, überzeugt. Adelheid Fink meistert souverän die dramatische Lisa, ihre Stimme hat Schöne, Weite und Ausdruckskraft. Die Darstellung wirkt durch ihre Glaubwürdigkeit, die Brechungen mit einbezieht. Daniel Böhm als stimmschöner Fürst Jeletzki. Sein Liebeslied unwiderstehlich, seine Enttäuschung über Lisa spürbar und hörbar. Seine Stimme malt Gefühle. Barbara Bräckelmann als Polina versteht es, die russische Seele auf den Ton zu bringen, das Leben als schön und traurig zu präsentieren. Bernd Valentin bringt einen ebenso überzeugenden wie gekonnt singenden Graf Tomski auf die Bühne wie Hans-Jörg Bocks Interpretation des Tschekalinski. Als Gast für den erkrankten Alexis Wagner singt Alexander Trauth mit ansprechend schöner Stimme den Surin. In den weiteren Rollen Elena Gerasimova, Frauke Dinse, Bernhard Schreurs, Miroslaw Maj und Alexandru Popescu.

Das Publikum muss an diesem Abend zur Jagd getragen werden. Kaum Zwischenapplaus, wenig Bravi am Ende. Erst als Geertje Nissen nach der Bedankung durch Intendant Johannes Reitmeier selbst das Wort ergreift, gibt es, was diese Tschaikowski-Inszenierung auch verdient hätte - standing ovations und langen begeisterten Applaus.

Frank Herkommer

 

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