Musiktheater: Verdis "Falstaff" feiert am Pfalztheater Kaiserslautern Premiere

Von Ehre wird niemand satt

Von unserem Redaktionsmitglied Uwe Rauschelbach

kann sich einer wie Falstaff zwischen Rhein und Haardt richtig heimisch fühlen. Der Held in Verdis Oper stolziert auf der Bühne des Kaiserslauterner Pfalztheaters denn auch mit dem Habitus eines auf Wein- und Wurstfesten sozialisierten Genussmenschen umher.

Dabei wissen wir natürlich, dass Pfälzer in Strickjacken durchaus Machtmenschen sein können, die es mit den vielbeschworenen Tugenden nicht immer so ganz genau nehmen. So einer ist auch Falstaff in der Inszenierung von Regisseur und Kammersänger Bernd Weikl, der den Ritter von gar nicht trauriger Gestalt gleich selbst verkörpert: ein beleibter Biedermeier, der es zudem faustdick hinter den Ohren hat. Und der für einen schnöden Geldgewinn oder ein schlüpfriges Rendezvous durchaus ein paar gute Vorsätze sausen lässt. Tugenden wie Ehre oder Gottesfurcht werden in Verdis einziger Buffa-Oper, die sich auf Shakespeares Textvorlage der "Lustigen Weiber von Windsor" stützt, karikiert. "Kann die Ehre auch den Bauch füllen?" nimmt Falstaff jenes Brechtsche Diktum vorweg, wonach die Welt das Fressen vor die Moral gesetzt habe.

Bernd Weikl, der dem abgehalfterten Ritter mit kräftiger Baritonstimme Kontur gibt, spielt die Hauptfigur eine Spur zu harmlos und unbedarft. Er wirkt in seiner bräsigen Gutmütigkeit zu sympathisch. Seine trickreichen Händel in der Finanz- oder Weiberwelt nehmen wir ihm nicht ab. Als Getriebener stolpert er von einer Szene in die andere, und selbst wenn die Lehre am Ende alle Beteiligten - einschließlich der Zuschauer - als Genasweiste entlarvt, so bleibt Falstaffs dramaturgisch insinuierte diabolische Charakterstruktur ebenso blass wie der Running Gag in Gestalt eines im Gorillafell steckenden Statisten, der immer mal wieder bedrohlich nahe an der ersten Zuschauerreihe entlang hetzt.

Dennoch beeindruckt uns die Inszenierung nachhaltig. Regisseur Bernd Weikl und Dramaturg Andreas Bronkalla retten das Stück trotz der zahlreichen Krawallszenen, der Staccatogesänge, der kakophonischen Tutti-Partien und der stets triumphieren wollenden Bauernschläue vor den Anmutungen eines rustikalen Komödienstadels. Immer wieder brechen ganz spontan Anflüge von Tragik in die Szenen ein, wird uns unter dem Himmel der Liebe auch die Hölle der Enttäuschung gezeigt. Es kommt zu bewegenden Szenen, von denen uns vor allem das Finale mit der in Elfengewändern auftretenden Gesellschaft in seiner fabelweltlichen Ästhetik und seiner versöhnlichen Wende bewegt.

Wobei die phantasievolle Lichtregie (Manfred Wilking) einen großen Anteil an der szenischen Gestaltung hat. Das Bühnenbild (Thomas Dörfler) zeigt uns die halbe Erdkugel auf einer Scheibe, die mit der zentralen Erkenntnis überschrieben ist: "Alles in der Welt ist Posse." Begeisternd spielt zur Premiere das Pfalztheaterorchester unter Leitung von Uwe Sandner auf. Es ist sehr nahe dran am Bühnengeschehen und kommentiert Gesang und Aktionen mit Sensibilität und Präsenz.

Die gesanglichen Leistungen der Darsteller sind fast durchweg höchst beachtlich. Neben Bernd Weikl agiert Carlos Aguirre in der Rolle des Ford, der die Schmerzen der Liebe in einer durchdringenden Bariton-Arie besingt. Oder Steffen Schantz mit einer Belcanto-reifen Tenorarie, in der die ganze Leidenschaft der Gefühle zum Ausdruck kommt. Vor allem aber Arlette Meißner, die die Rolle der Nannetta mit Gold in der Stimme verkörpert - ein Sopran wie Vogelgesang im Frühling. Das erquicklich-durchtriebene Quartett an Intrigantinnen vervollständigen Adelheid Fink als Alice, Yanyu Guo als Quickly und Wioletta Hebrowska als Meg Page. Nicht zu vergessen der wohlklingende Chor des Pfalztheaters (Ulrich Nolte).

Mannheimer Morgen
29. Juni 201

 

 

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