Die Musik ist ein großer, langer Fluss

Umjubelter Triumph: Das Pfalztheater in Kaiserslautern zeigt erstmals Richard Wagners Oper „Parsifal”


Von Frank Pommer


Je größer die Herausforderung, desto größer das Risiko zu scheitern. Man muss also den Mut von Pfalztheater-Intendant Johannes Reitmeier und Generalmusikdirektor Uwe Sandner bewundern, sich an Wagners Weltabschiedswerk „Parsifal” zu wagen. Doch die Kaiserslauterer Erstaufführung am Samstagabend geriet zum Triumph. Vor allem der Musik. Reitmeiers Regie, die zum Teil beeindruckende Bilder hervorbringt, gibt auf einige der problematischsten Fragen, die dieses Werk auch aufwirft, Antworten, die letztlich nicht ganz zufrieden stellen.


Diese Gralsgesellschaft hat sich im Kontakt mit der Welt eine - salopp ausgedrückt - blutige Nase geholt. Der Klingsor-Schock jedenfalls sitzt tief. Das Entsetzen über den Verlust des heiligen Speers als Machtsymbol ist riesig. Es ist eine Endzeitgesellschaft. Weltabschied ganz wörtlich zu verstehen. Denn man hat sich abgeriegelt, verschlossen gegenüber der Welt. Dem Leben entsagt. Damit auch der Liebe. Und Außen, die Welt, die Fremden, Nicht-Dazugehörigen, das alles ist für diesen die Sexualität verteufelnden Männerbund: die Frau. Doch die anderen, das sind auch die Andersgläubigen - für eine christliche Miliz, die sich die Kreuzzugsphilosophie in eine apokalyptische Zukunftsszenerie gerettet hat. Zu erfahren, dass Kundry eine Medizin für Amfortas aus Arabien mitgebracht hat, löst unter den Gralsrittern höchste Nervosität aus.


Ihre Burg - für die beeindruckende Bühne ist Thomas Dörfler verantwortlich - sieht aus wie der Petersdom zu Rom. Man sieht nur den oberen Teil der Kuppel, und auch diese ist eingerahmt von einem riesigen Kasten, der an jenen gigantischen Sarkophag erinnert, mit dem das Atomkraftwerk von Tschernobyl ummantelt ist. Rauszukommen ist fast unmöglich. Reinzukommen wohl noch mehr. Da müssen schon die Dimensionen von Zeit und Raum aufgehoben, vielleicht sogar vertauscht werden. Große Verwandlung. Abstieg in die Gralsgruft. Wer eben noch schwer bewaffneter Kämpfer im Zeichen des Kreuzes war (Kostüme: Anke Drewes) - ist jetzt Kardinal. Papstfiguren gibt es gleich im Doppel: Titurel und Amfortas. Es dampft der Weihrauch, glänzt der Gral - und Reitmeiers Inszenierung begibt sich in ihrer Konkretisierung auf nicht ganz ungefährliches Terrain.


Denn was in der ersten Gralsszene noch funktioniert, weil mit dem herumlümmelnden, sich in Kirchenbänke fläzenden Parsifal ein Verfremdungseffekt eingebaut ist, wird im Schlussbild problematisch. Durchaus auch, weil so manche Regieanweisung Wagners dann doch etwas zu wörtlich genommen wird. Die Fragwürdigkeit, diese Utopie alleine daran festzumachen, dass der neue Gralskönig Parsifal Kundry nicht nur einführt in diese Gemeinschaft, sondern sie zugleich auch zur kirchlichen Würdenträgerin macht, greift zu kurz. Anders gesagt: Indem man Kundry in Ornat einwickelt, haben die Ritter das Problem ihrer unbefriedigten Triebe natürlich nicht gelöst. Der Ansatz jedenfalls, den „Parsifal” von der Last des Ersatzreligiösen zu befreien, indem man die Gralsszenen wörtlich als Abendmahlsszenen ausstellt, die wesentlicher Bestandteil eines Kunstwerks - also Wagners Oper und eben nichts mehr - sind, funktioniert nur zum Teil. Die Regie versucht zwar herauszustellen, wie sinnentleert, von Innen ausgehöhlt diese Rituale sind, sie bewegt sich aber auf einem schmalen Grat.


Das hat sehr viel mit der Musik zu tun. Die entwickelt einen solchen Sog, eine so suggestive Gewalt, dass beim Zuhören die Zeit wie im Fluge vergeht. Zum Rausch ist es jedenfalls nur noch ein kleiner Schritt, weil es Uwe Sandner am Pult eines phasenweise grandios musizierenden Pfalztheaterorchesters gelingt, einerseits diese Höhepunkte der Riesenpartitur mit Überwältigungsgarantie punktgenau anzusteuern, andererseits so etwas wie einen unwiderstehlichen, den Zuhörer stets mitnehmenden, ja ihn quasi vor sich hertragenden musikalischen Erzählfluss aufzubauen. Von den ersten Takten an entsteht - durchaus in akustischer Doppelung des Bühnenbildes - eine Klangkathedrale von faszinierender Schönheit. Nur hätte man sich mitunter eine optische Brechung auf der Szene als Gegengewicht zur Musik gewünscht - so wie im zweiten Akt mit seinem beeindruckenden Videosequenzen von Werner Zott und einer ebenso witzigen wie sinnlichen Blumemädchenszene.


Der Erzählfluss der Musik ist natürlich auch abhängig von den Leistungen der Solisten, insbesondere vom Sänger des Gurnemanz. Hier konnte man mit Guido Jentjens einen Gast verpflichten, der schlichtweg sensationell war. Dies fängt mit der Textverständlichkeit an und hört mit der spannenden, ja packenden Ausgestaltung seiner langen Monologe noch längst nicht auf. Während Peteris Eglitis einen stimmlich sehr farbenreichen und darstellerisch mitunter aufwühlenden Amfortas gibt, gefällt Wieland Satter als diabolischer Klingsor, der bei aller Boshaftigkeit auch Mitleid erregt. Bleiben noch zwei zentrale Partien: Dass eine so fantastische Sängerin wie Barbara Schneider-Hofstetter ihr Kundry-Debüt am Pfalztheater gibt, ist ebenso ein Glücksfall für das Haus wie der Umstand, die Titelpartie mit Steffen Schantz aus dem Ensemble besetzen zu können. Die große Szene der beiden im zweiten Akt jedenfalls ist ganz große Wagner-Glück.


Termine


3., 11. März, 1., 6., 22. April.

 

 

 

 

 

 

opernnetz.de vom 29. Februar 2012

 

 

Reitmeiers Geniestreich

Nur die Kuppel scheint äußerlich unversehrt den Himmelssturz überstanden zu haben, ohne Unterbau aufgeschlagen in der Wirklichkeit. Das Christentum, verstärkt in seiner katholischen Variante, steht vor seinen Trümmern in der Ideenwelt. An den Wänden zeigt sich die hässliche Wahrheit: Der blätternde Lack ist ab. Am vorderen Bühnenrand ist Stacheldraht ausgerollt, hinter dem die Männerwelt des Klerus weniger ausgegrenzt als die letzten Bastionen verteidigend erscheint, Verstörte Versprengte, mit schulterkreuzendem Patronengürtel. Oben ist ein leerer, kalter Himmel, die Dinge drehen sich und wir sind in der Gegenwelt Klingsors, der Protagonist schlechthin des Säkularismus und traditionsvergessenden Neuheidentums. Seine Sphäre, die der Angestelltenkultur, ist ebenso beschädigt. Ein aufgerissener Himmel, die Ränder der verletzten alten Ordnung weisen geometrische Formen wie die eines Zahnrads auf, als Schiboleth des industriellen, nachchristlichen Zeitalters. 

Johannes Reitmeier produziert am Pfalztheater Kaiserslautern eine genialische Parsifal-Inszenierung, die den intellektuellen und künstlerischen Vergleich mit der umjubelten Stefan Herheim-Inszenierung in  Bayreuth nicht zu scheuen braucht. Interpretiert der Norweger auf der Grundlage des Bühnenweihfestspiels die deutsche schuldgeladene  Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, verwoben in die Wagnersche Rezeptions-, Personen- und Familiengeschichte, spinnt Reitmeier den abgebrochenen Dialog zwischen Wagner und Nietzsche weiter, interpretiert den zentralen Mitleidsbegriff des Bayreuther genius loci eben nicht wie so oft buddhistisch, sondern empathisch, Leben als Schuld, das tertium comparationis zwischen Amfortas und Parsifal. Der freie Mensch, Nietzsches Übermensch, er empfindet nicht wie dessen Ausrufer Mitleid als Verzärtelung, Verpöbelung und Verchristlichung, keine Umkehrung aller Werte, die den starken Einzelnen domestiziert und schwächt. Reitmeier fragt nach verlorenem Glanz  der traurigen Ritter vom Kreuz. Sein Orden ist der überalterte Klerus, dessen Versuchung adoleszent und männlich. Nur von außen kann die Rettung kommen: Parsifal, dem eine Kirchenbank noch fremdelndes Staunen entlocken kann, dem man die Naivität und Unbefangenheit  gegenüber einer unbekannten Kirchlichkeit abspürt. Es treten Bischöfe und Päpste auf, am Rand ist ein beschädigtes Taufbecken, dem erst der reine Tor seine zentrale Bedeutung zurückgeben wird. Auf der anderen Seite, die zunächst nicht einmal einen Blick auf die dem Untergang geweihte Kirche zulässt, steht auch Erlösungssehnsucht. Die Blumenmädchen erscheinen im eisblauen Einheitslook, denen die Welt der Sinnlichkeit nicht die intelligible ersetzen kann. Parsifal sucht die Synthese. Den Säkularen bietet er ein Christentum, das mit Taufe und Widersetzlichkeit gegenüber der Totalität des Todes im Kampf um die Seelen punktet. Es sind Steine der alten, zusammengebrochenen Kirche, in die das Kreuz eingerammt ist, Grabstätten, dort wächst dem Glauben neue Kraft zu als Gegengift, das gegen den   grässlichen All-Zermalmer gereicht wird. Am Ende setzt der Kirchen- und Weltenretter Kundry zur Bischöfin ein, ob von Rom oder anderswo, bleibt letztlich unerheblich. Die Rettung kommt von der Öffnung des Priesteramtes für Frauen, so der Ansatz von Reitmeier. Jetzt kann die Kirchenkuppel auch in einer säkularen Welt wieder wahrgenommen werden.

Bilder von apokalyptischer Gewalt sind das, die Thomas Dörfler auf die Bühne bringt. Man möchte Jean Pauls Christus in das Eingangsbild stellen, der seine Rede vom zerstörten Weltgebäude herab hält. Tabernakel, die herab schweben, Büroräume, die das postchristliche Abendland symbolisieren, ein Altar, der als Sarkophag dient. Das Bühnenbild spricht tiefe Schichten des Unterbewussten an und ist der Qualität der Inszenierung angemessen. Bühnenbildnerin Anke Drewes taucht tief ein in die klerikale Phantasiewelt. Keine Karikaturen, Stilisierungen, sondern Liebe zum Detail. Ein Parsifal, dessen Wanderungen zwischen den Welten auch im Outfit klug sichtbar gemacht werden.

Das Orchester begeistert. Uwe Sandner hat Unglaubliches für das kleine Orchester geschafft. Eine stimmige Wagnerinterpretation, der jedes Pathos, jede Überhöhung abgeht, die der Feinheit und Differenziertheit der Komposition gerecht wird, ohne dabei die Dramatik zu kurz kommen zu lassen, Musik, die überwältigt. Der Kontakt zu den Protagonisten auf der Bühne ist hoch intensiv.

Ernst Blochs Aufsatz Die Kunst, Schiller zu lesen enthält den Verweis, dass das Tempo sich seit der Zeit der Abfassung geändert hat. Reitmeier nimmt den musikphilosophischen Faden wieder auf und fragt nach der Kunst, Wagner zu singen. Er geht mit Steffen Schantz ein Risiko ein und gewinnt: Natürlich Karfreitag, aber mit einleuchtendem Osterlicht. Steffen Schantz ist ein jugendlicher Naiver, dem man beide Eigenschaften abnimmt, dessen herrliche Klangfärbung ihn auszeichnet und unterscheidbar macht, dem die gewaltigen Herausforderungen nichts anhaben zu können scheinen. Er singt mit einer spielerischen Leichtigkeit und verleiht damit der Rolle Tiefe. Barbara Schneider-Hofstetter eine Kundry, wie Schantz auch spielerisch überzeugend, die sichtlich Spaß hat an ihrer Bekehrung, an der Entdeckung einer unbekannten Gegenwelt, eben eine neugierige Magdalena. Auch sie wagt, fast schon ins Parlando überzugehen. Dass sie die Wahnsinnstonhöhen  und das Forte  beherrscht, zeigt sie eindrücklich. Den meisten Jubel erntet Bayreuth-Sänger Guido Jentjens als Gurnemanz zu Recht. Besser lässt sich die Rolle kaum singen. Er verfügt über eine  Bassstimme von überragender Schönheit. Wieland Satter singt einen diabolischen Klingsor, mit einer verführerisch schönen Bassbaritonlage. Amfortas ist besetzt mit Peteris Eglitis, dem man das Leiden abspürt und abnimmt, eine weit ausgreifende, ansprechende Stimme. Seinen Vater Titurel spielt und singt Alexis Wagner, die Stimme eher differenzierend als ausgreifend. Das Haus bietet seine besten Protagonistinnen für die Blumenmädchen, deren Gesang zu den weiteren, umjubelten Höhepunkten der Inszenierung gehört, die schauspielerischen Leistungen ebenso. Arlette Meißner, Adelheid Fink, Susanne Pemmerl, sonst eher Hauptrollen gewohnt, glänzen ebenso wie Isolde Ehinger, Jena Ann Carpenter und Mareike Braun. Hans-Jörg Bock ist der Erste Gralsritter, mit Schmelz in der Stimme, Peter Floch und Michael McBride als Knappen vervollständigen das Ensemble. Der Chor unter der Leitung von Ulrich Nolte entrückt in himmlische Sphären und erzeugt sakrale Ergriffenheit, ein Konzil alter Männer mit Stimmen voller religiöser Inbrunst und Erhabenheit.

Das Publikum ist auch nach fünfeinhalb Stunden wie elektrisiert. Standing ovations, Bravi ohne Ende, 20 Minuten Applaus. Strahlende Gesichter bei der Premierenfeier und jedem ist klar: Hier und heute wird Wagnergeschichte geschrieben. Nicht nur für Kaiserslautern.

Frank Herkommer


 

 

 

 

Als wär's die Begleitmusik zum Heiligen Rock

Zehn Jahre lang hat der Kaiserslauterner Intendant Johannes Reitmeier bewiesen, dass man mit unkonventionellem, anspruchsvollem Musiktheater auch in der vermeintlichen Provinz das Publikum gewinnen kann - wenn man ein Konzept hat. Zum Abschied hat er nun Wagners "Parsifal" auf die Bühne gestemmt.


Gralsritter oder Bischof? Guido Jentjens (Zweiter von rechts) als Gurnemanz und Barbara Schneider-Hofstetter als Kundry. Foto: Hans-Jürgen Brehm-Seufert

Kaiserslautern. Es ist schon kurios: Da wird in Trier der Heilige Rock ausgestellt, und das Pfalztheater liefert die passende thea tralische Begleitung. Denn Johannes Reitmeier, der im Sommer nach Innsbruck wechselt, hat Wagners "Parsifal" als erzkatholische Messfeier inszeniert, vor der Kulisse einer eingesunkenen Kuppel des Petersdoms (Bühnenbild: Thomas Dörfler).
Der aufgrund seines Sündenfalls mit Leiden geschlagene König Amfortas erinnert in Gestik und Mimik an Johannes Paul II. in der Endphase, die Gralsritter wirken wie ein vergreistes Kardinalskollegium, das Leben auf der Gralsburg besteht in katholischen Ritualen.
Als Gegenbild erscheint die Welt des bösen Zauberers Klingsor, der die Ordnung der frommen Ritterschaft durcheinander bringt: Hier blitzen die Computer animationen auf, und die Blumenmädchen sind zu Chefsekretärinnen im Business-Outfit mutiert. Das sieht hübsch und originell aus, aber einen Sinnzusammenhang kann die Regie nur vereinzelt herstellen. Am Ende wird richtig dick aufgetragen, wenn die Sünderin Kundry als Frau feierlich in den Kreis der kirchlichen Amts- und Würdenträger aufgenommen wird - da ertrinkt der womöglich angedachte kritische Ansatz im katholischen Kitsch.

Musikalische Glanzleistung


Auf der Habenseite der Produktion stehen eine sorgfältig gearbeitete Personenregie, viele interessante szenische Details - und eine musikalische Glanzleistung. Das beginnt beim Orchester unter der Leitung von Uwe Sandner, das ein sattes, filigranes Wagner-Klangbild liefert, ohne die Sänger zuzudecken. Guido Jentjens singt einen Gurnemanz der absoluten Weltklasse, Steffen Schantz (Parsifal), Wieland Satter (Klingsor) und Peteris Eglitis (Amfortas) verbinden darstellerische Verve mit sängerischer Ausdruckskraft, Barbara Schneider-Hofstetter beherrscht exzellent die unterschiedlichen Seelenzustände Kundrys, lässt allerdings bei der Wortverständlichkeit zu wünschen übrig.
Langer Jubel bei der Premiere im gut besuchten Haus. Ein Triumph, wenn nicht für den Regisseur Reitmeier, dann doch allemal für den Intendanten.
Weitere Vorstellungen:
11. März, 16. und 22. April.

Von Ursula Strohal

Kaiserslautern – Johannes Reitmeier wird als künftiger Intendant des Tiroler Landestheaters erwartet, aber auch für ihn heißt es Abschied nehmen: vom Pfalztheater in Kaiserslautern, das er in den letzten zehn Jahren erfolgreich geleitet hat. Als letzte eigene Inszenierung zeigt er dort Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“.

Wagner hat die Welt des Grals an die Religionen herangeführt und gefährlich nahe an die christliche, denn seine Darstellung von Abendmahl und Erlösung wählen Zuschauer gern als Ersatz-Einkehr. Regisseure wiederum wehren sich oft mit Abstraktion, Verzerrung oder Kreuzritterkitsch. Reitmeier nimmt die Kulthandlungen und Symbole tiefernst und vereint damit imponierend zwei Ziele: Wagners Botschaft nahezukommen und aus heutiger Perspektive nicht nur Frömmler zu provozieren.

Wagners Gralsritter, ein zölibatärer Männerbund, der den Gral und den heiligen Speer hüten soll, sind in desperater Lage: Ihr König Amfortas ist in Klingsors Zauberschloss Kundrys Verführung erlegen und verlor im Kampf den Speer an Klingsor, der ihn damit auch verwundete. Der Gral ist jener Kelch, aus dem Christus beim letzten Abendmahl trank und in dem das Blut des mit jenem Speer verwundeten Gekreuzigten aufgefangen wurde. Amfortas trägt fortan die unheilbare Wunde Christi sowie die Wunde der Sünde und verweigert der Gemeinschaft den Anblick des lebensverlängernden Grals. Parsifal, der junge Mann ohne Erfahrung und Vorurteil, wird durch Kundrys Kuss „durch Mitleid wissend“ und zum Erlöser. Kundry irrt unerlöst durch die Zeiten.

Durch die schon schäbige Kuppel des Petersdomes inmitten abweisender Gralsburgmauern und letztlich in einem Endzeitszenario markiert Bühnenbildner Thomas Dörfler die Lage. Wer sich dort freudlos, starr, menschenfern, in verkrustender Ideologie abschottet, Frauen ausschließt, sind Priester. Katholische Bischöfe, Kardinäle, an der Spitze Papst Amfortas mit Zügen des leidenden Johannes Paul II. Kundry, die einzig geduldete – dienende – Frau, wird von den Knappen fast vergewaltigt. Gern streicht Amfortas einem jungen schönen Priester über den Kopf. Während des noch einmal von Amfortas erzwungenen Abendmahls lümmelt Parsifal im Kirchengestühl. Später begreift er im erotischen Kuss Amfortas‘ Sünde, nimmt Klingsor den Speer ab und bringt ihn den nur noch vegetierenden Priestern. Ein Hoffnungsträger, der die Institution wieder stärkt, den Kult vollzieht, aber im Zeichen des Ausbruchs aus dem System, wie Wagner es meinte und Reitmeier es zeigt. Was schmerzt, ist das System, ist die Welt, Heilung bringt die Veränderung. Gral und Speer stehen vereint für die Gesundung durch die Welteinheit der Geschlechter. Parsifal verweigert die Papstkrone und setzt Kundry, erlöst durch Kardinal Gurnemanz‘ Mitleid und die Taufe, als Bischöfin ein.

Uwe Sandner am Pult des Pfalztheater-Orchesters zelebriert ein für das Orchester zu langsames Vorspiel, schärft dann die Bläser, zieht den Hörer ins Stück, vermeidet Weihrauch. Guido Jentjens als Gurnemanz, Peteris Eglitis als Amfortas, Stephen Bronk als Klingsor, Steffen Schantz als Parsifal und Barbara Schneider-Hofstetter als Kundry erfüllen die Inszenierung ebenso wie der Chor mit beeindruckenden Leistungen.

In Kaiserslautern, wo die Vertreter der Religionsgemeinschaften deutschlandweit einzigartig gemeinsam die Erklärung „Religionen gegen Gewalt“ unterzeichneten, wird die Produktion zu Recht gefeiert.

 

Grenzenlose Begeisterung

Premieren-Publikum lobt „Parsifal”-Inszenierung in hohen Tönen - Wimmer-Leonhardt: Eine Meisterleistung


VON HEIDELORE KRUSE


Fünfeinhalb Stunden „Parsifal” und bei der anschließenden Premierenfeier immer noch ein volles Haus: Selbst Johannes Reitmeier, Intendant des Pfalztheaters und Regisseur der großen Wagner-Oper, hat sich diese Resonanz auf seine letzte Inszenierung am Samstagabend höchstens wünschen, aber nicht erwarten können.


„Wir haben uns in Reihe elf mit ,Bravo' die Kehlen heiser gerufen”, bekannte Erich Maierhofer. Der Vorsitzende des Freundeskreises des Tiroler Landestheaters war am gleichen Tag mit einem Teil der Vorstandschaft aus Innsbruck nach Kaiserslautern gekommen, um ihren künftigen Intendanten kennen zu lernen. „Wir waren neugierig, wie er das angeht”, sagte Maierhofer. Sein kurzes Fazit: „Phänomenal”. Im Detail: „Ich kann feststellen, dass es eine sehr, sehr stimmige Aufführung ist mit einer sehr klaren Personenregie und musikalisch herausragend. Das gilt auch für die Stimmen, die in dieser Deutlichkeit selten zu hören sind. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Herrn Reitmeier.” „Diese Inszenierung ist toll, ich bin ganz platt, dass Kaiserslautern sich das zutraut”, bekannte Diana Dietrich. Die ehemalige Geschäftsführerin des Westpfalz-Klinikums hatte zusammen mit ihrem Mann den „Parsifal” erst vor zwei Jahren in Bayreuth gesehen. Beide fanden die Kaiserslauterer Inszenierung übersichtlicher und die „Kundry” von Gastsängerin Barbara Schneider-Hofstetter „einfach phänomenal”. Intendant Reitmeier hätte so etwas durchaus schon vorher angehen sollen, befanden die Dietrichs.


Auf jeden Fall sei diese Operinszenierung ein sehr schönes Abschiedsgeschenk des Intendanten an das Pfalztheater.


Joachim Mauruschat, bis vergangene Woche Vorsitzender des Vereins Japanischer Garten in Kaiserslautern, war ebenfalls grenzenlos begeistert. Bereits nach dem ersten Akt schwärmte er von der Ruhe, mit der die Musik vermittle, dass alles seine Zeit habe und diese Zeit auch eingeräumt werde. Die Dramatik im zweiten Akt sei dann beinahe mit einer italienischen Oper vergleichbar. „Großes Kompliment an das Orchester und die Sänger. Toll, wie Steffen Schantz („Parsifal”) sich gesteigert hat und dann diese „Kundry”. Kompliment auch für ein schwieriges Projekt, das sehr erfolgreich durchgeführt worden ist.” Bürgermeisterin Susanne Wimmer-Leonhardt war begeistert: „Ein unglaublich beeindruckender Abend; was hier geboten worden ist - vom Gesang, vom Bühnenbild - ist eine Meisterleistung - einfach phantastisch. Auf das Haus können wir wirklich stolz sein.” Bemerkenswert fand die Kulturdezernentin auch, wie schnell die fünfeinhalb Stunden vergangen seien.


„Ich bin sonst nicht so überschwänglich, aber das war ganz fantastisch”, äußerte Manfred Schäfer, der Mitglied im Kulturausschuss des Bezirkstags ist. Kaiserslautern habe mit Johannes Reitmeier gezeigt, dass auch ein kleines Haus große Leistung erbringen könne: „Und das mit diesem Etat.” Großes Lob zollte Schäfer Generalmusikdirektor Uwe Sandner und seinen Musikern. Steffen Schantz, der nicht als Wagner-Sänger bekannt gewesen sei, habe ihn sehr überrascht. „Ich komme seit 15 Jahren ins Pfalztheater und dies war eine der besten Vorstellungen, die ich gesehen habe”, lobt Schäfer und ergänzte: „Reitmeier hat alles eingehalten, was er uns versprochen hat.” „Ich bin stolz auf das Pfalztheater”, bekannte der designierte Intendant Urs Häberli: „Was für ein Sängerensemble, was für Chöre und was für eine grandiose szenische Umsetzung.” Er hoffe, dass dieser Theaterabend überregional bekannt werde und trotz der nur begrenzten Anzahl von Vorstellungen von vielen Zuschauern gesehen werde.


Den „Parisfal” auf den Spielplan zu setzen habe einiges Kopfzerbrechen gemacht, erläuterte Häberli. Die Motoren im Vorfeld wie am Premierenabend seien der Intendant und sein Generalmusikdirektor gewesen. Ein bewährtes Team um Johannes Reitmeier, dazu namhafte Sänger, Nachwuchssänger, Ensemblemitglieder und die Musiker des Orchesters hätten das Theaterpublikum in eine sensationelle szenische Welt versetzt.


Herumgesprochen hatte sich Häberli zufolge im Laufe des Abends, dass „Parsifal” Steffen Schantz das Pfalztheater verlassen wird. Er werde dem Haus aber verbunden bleiben. KULTUR

 

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