Auf der Schattenseite des Lebens

Ein Gipfelwerk der musikalischen Moderne: Das Pfalztheater in Kaiserslautern zeigt Alban Bergs Oper „Wozzeck“ – Intendant Urs Häberli inszeniert


Von Frank Pommer


Alban Bergs „Wozzeck“ ist nicht nur eines der zentralen Werke der musikalischen Moderne, es ist auch die vielleicht großartigste Oper des 20. Jahrhunderts. Diese Qualität beweist das Werk auch in der jüngsten Inszenierung des Kaiserslauterer Pfalztheaters. Regie führte Intendant Urs Häberli, Generalmusikdirektor Uwe Sandner stand am Pult eines phasenweise brillant aufspielenden Pfalztheaterorchesters.Der Blick der Sehnsucht geht nach oben. Umgeben von riesigen Mauern, ist der Mensch eingeschlossen in seiner Existenz. In seinem Elend, seinem Leid. Kein Ausweg, nirgends. Freiheit verspricht der Himmel, doch der ist weit weg. Die Türen, die nach draußen führen, sind für alle da. Für Wozzeck nicht. Er bleibt die gleichermaßen eingesperrte wie ausgestellte Kreatur. Gedemütigt für eine Versuchsanordnung, in der herausgefunden werden soll, wie tief ein Mensch erniedrigt, wie sehr er seiner Würde beraubt werden muss, ehe er aufbegehrt. Wann wird es all den Wozzecks zu viel? Denn sie sind ja noch immer da, lehrt uns die Regie von Pfalztheater-Intendant Urs Häberli. Wie lange dürfen wir mit den Entrechteten dieser wie künftiger Gesellschaften so umspringen, wie das frühere schon getan haben – bis sie zum Messer greifen?Thomas Dörfler hat schon zahlreiche Bühnenbilder für das Pfalztheater gebaut, dieses gehört sicherlich zu den beeindruckendsten. Es kann ganz konkret als Kaserne oder als Gefängnis verstanden werden, aber eben auch symbolisch als klaustrophobische Bedrohung jeder Wozzeck-Existenz in uns. Ein mächtiger Wachtturm kann gedreht werden und offenbart ein grell ausgeleuchtetes Krankenzimmer als Inneres: die Behausung Maries und ihres mit Wozzeck gezeugten Kindes. Versehrte, Verwundete, Verschmähte auch sie. Der Tambourmajor wird sie brutal an die Wand pressen und ihren Rock hochheben. Es geht ihm um den Genuss – des Körpers der Frau. Als Mensch ist sie wie Wozzeck nur insofern von Interesse, als sie anderen dienlich sein kann.


In der Mitte der Bühne schlägt das Herz dieses atemlos spannenden Dramas – ein abdeckbares Becken, das vieles zugleich ist: die Kloake, in der Wozzeck und Andres ihrer unwürdigen Arbeit nachgehen; ein Vergnügungspool für die Partygesellschaft des zweiten Aktes; der Ort, an dem die Blutprophezeiung des Narren Wirklichkeit wird. Wozzeck wird hier die untreue Marie, die verratene Verräterin, ermorden und später selbst zu Tode kommen. Dieses Unheil liegt von Beginn an über dem düsteren Geschehen, wozu die großartigen Schattenwirkungen (Licht: Manfred Wilking) auf den betongrauen Wänden erheblich beitragen. Der Opernabend wird zum mysteriösen Thriller – mit tödlichem Ausgang.


Man muss Bergs Geniestreich wohl auch als Meisterwerk des Expressionismus verstehen. Der neue Mensch ist zwar noch abwesend, doch seine Vorstufe, die geschundene, gequälte, gepeinigte, verspottete, gedemütigte Kreatur ist voll ausgeprägt. Wozzecks finales Aufbegehren mit dem Messer in der Hand ist ein expressionistisches Grundmuster. Man kann dies an Werken wie der Hindemith-Oper „Mörder, Hoffnung der Frauen“ nach dem Kokoschka-Drama ebenso ablesen wie an der Kriegsbegeisterung der gesamten expressionistischen Generation. Und Büchners Textvorlage ist Expressionismus avant la lettre, vor der Erfindung des Begriffs.


Die Musik Bergs beglaubigt dies in einer Weise, die auch dann, wenn man diese Oper bereits zum fünften, zum zehnten Mal gesehen hat, immer noch sprachlos macht. Gänsehaut stellt sich ein, weil diese Musik so ehrlich, so direkt, so unverstellt ist – ganz ohne Kitsch, ganz ohne Effektschielerei. Der expressionistische Schrei wird zur existenzialistischen Geste. Mehr hat ein Entrechteter wie Wozzeck nicht zu vermelden. Und uns geht er durch Mark und Bein, weil Uwe Sandner sein Orchester bisweilen wie entfesselt spielen lässt (mitunter sogar ohne große Rücksicht auf das dynamische Leistungsvermögen der Sänger). Die Zwischenspiele werden zu Offenbarungen der musikalischen Moderne, die nie sinnlicher war als im Falle Bergs. Sandner lässt so viel Pathos und Emphase zu, wie man dies vielleicht nur bei Puccini oder Strauss erwarten würde. Dass diese so unerhört neue Musik auf so viele alte Formen baut, wird zwar deutlich hörbar, drängt sich aber nie in den Vordergrund. Sandner und das Pfalztheaterorchester beweisen: Berg ist pralle Opernwirklichkeit. Saftiger jedenfalls gibt es die Moderne selten.


Die Sänger müssen dabei abenteuerliche Schwierigkeiten bewältigen und zugleich jene „rhythmische Deklamation“, diesen genau fixierten Sprechgesang beherrschen. Kaiserslautern hat dafür ein großartiges „Wozzeck“-Ensemble gefunden, in dem es keine Ausfälle zu beklagen gibt und das von einem Chor in Bestform sekundiert wird. Bernd Valentins stimmliches und darstellerisches Porträt der Titelfigur berührt zutiefst und lässt das Publikum aufgewühlt zurück. Die Marie von Adelheid Fink ist naive Verführte und sinnliche Verführerin zugleich, die ihre Stimme vom unschuldigen Jungmädchen- bis zum gleißend-flirrenden Verlockungsgesang ausdehnt und dabei mit höchster darstellerischer Präsenz agiert. Beginnend mit Maries Knabe (Liam Röder) über den Doktor (Alexis Wagner) und den Hauptmann (Andrew Zimmermann) bis hin zum Tambourmajor (Carlos Aguirre) und die Nebenrollen ist dieser „Wozzeck“ hervorragend besetzt. Umso bedauerlicher, dass die Premiere nicht ausverkauft war. Bitte hingehen!

Auf der Schattenseite des Lebens

Ein Gipfelwerk der musikalischen Moderne: Das Pfalztheater in Kaiserslautern zeigt Alban Bergs Oper „Wozzeck“ – Intendant Urs Häberli inszeniert


Von Frank Pommer


Alban Bergs „Wozzeck“ ist nicht nur eines der zentralen Werke der musikalischen Moderne, es ist auch die vielleicht großartigste Oper des 20. Jahrhunderts. Diese Qualität beweist das Werk auch in der jüngsten Inszenierung des Kaiserslauterer Pfalztheaters. Regie führte Intendant Urs Häberli, Generalmusikdirektor Uwe Sandner stand am Pult eines phasenweise brillant aufspielenden Pfalztheaterorchesters.Der Blick der Sehnsucht geht nach oben. Umgeben von riesigen Mauern, ist der Mensch eingeschlossen in seiner Existenz. In seinem Elend, seinem Leid. Kein Ausweg, nirgends. Freiheit verspricht der Himmel, doch der ist weit weg. Die Türen, die nach draußen führen, sind für alle da. Für Wozzeck nicht. Er bleibt die gleichermaßen eingesperrte wie ausgestellte Kreatur. Gedemütigt für eine Versuchsanordnung, in der herausgefunden werden soll, wie tief ein Mensch erniedrigt, wie sehr er seiner Würde beraubt werden muss, ehe er aufbegehrt. Wann wird es all den Wozzecks zu viel? Denn sie sind ja noch immer da, lehrt uns die Regie von Pfalztheater-Intendant Urs Häberli. Wie lange dürfen wir mit den Entrechteten dieser wie künftiger Gesellschaften so umspringen, wie das frühere schon getan haben – bis sie zum Messer greifen?Thomas Dörfler hat schon zahlreiche Bühnenbilder für das Pfalztheater gebaut, dieses gehört sicherlich zu den beeindruckendsten. Es kann ganz konkret als Kaserne oder als Gefängnis verstanden werden, aber eben auch symbolisch als klaustrophobische Bedrohung jeder Wozzeck-Existenz in uns. Ein mächtiger Wachtturm kann gedreht werden und offenbart ein grell ausgeleuchtetes Krankenzimmer als Inneres: die Behausung Maries und ihres mit Wozzeck gezeugten Kindes. Versehrte, Verwundete, Verschmähte auch sie. Der Tambourmajor wird sie brutal an die Wand pressen und ihren Rock hochheben. Es geht ihm um den Genuss – des Körpers der Frau. Als Mensch ist sie wie Wozzeck nur insofern von Interesse, als sie anderen dienlich sein kann.


In der Mitte der Bühne schlägt das Herz dieses atemlos spannenden Dramas – ein abdeckbares Becken, das vieles zugleich ist: die Kloake, in der Wozzeck und Andres ihrer unwürdigen Arbeit nachgehen; ein Vergnügungspool für die Partygesellschaft des zweiten Aktes; der Ort, an dem die Blutprophezeiung des Narren Wirklichkeit wird. Wozzeck wird hier die untreue Marie, die verratene Verräterin, ermorden und später selbst zu Tode kommen. Dieses Unheil liegt von Beginn an über dem düsteren Geschehen, wozu die großartigen Schattenwirkungen (Licht: Manfred Wilking) auf den betongrauen Wänden erheblich beitragen. Der Opernabend wird zum mysteriösen Thriller – mit tödlichem Ausgang.


Man muss Bergs Geniestreich wohl auch als Meisterwerk des Expressionismus verstehen. Der neue Mensch ist zwar noch abwesend, doch seine Vorstufe, die geschundene, gequälte, gepeinigte, verspottete, gedemütigte Kreatur ist voll ausgeprägt. Wozzecks finales Aufbegehren mit dem Messer in der Hand ist ein expressionistisches Grundmuster. Man kann dies an Werken wie der Hindemith-Oper „Mörder, Hoffnung der Frauen“ nach dem Kokoschka-Drama ebenso ablesen wie an der Kriegsbegeisterung der gesamten expressionistischen Generation. Und Büchners Textvorlage ist Expressionismus avant la lettre, vor der Erfindung des Begriffs.


Die Musik Bergs beglaubigt dies in einer Weise, die auch dann, wenn man diese Oper bereits zum fünften, zum zehnten Mal gesehen hat, immer noch sprachlos macht. Gänsehaut stellt sich ein, weil diese Musik so ehrlich, so direkt, so unverstellt ist – ganz ohne Kitsch, ganz ohne Effektschielerei. Der expressionistische Schrei wird zur existenzialistischen Geste. Mehr hat ein Entrechteter wie Wozzeck nicht zu vermelden. Und uns geht er durch Mark und Bein, weil Uwe Sandner sein Orchester bisweilen wie entfesselt spielen lässt (mitunter sogar ohne große Rücksicht auf das dynamische Leistungsvermögen der Sänger). Die Zwischenspiele werden zu Offenbarungen der musikalischen Moderne, die nie sinnlicher war als im Falle Bergs. Sandner lässt so viel Pathos und Emphase zu, wie man dies vielleicht nur bei Puccini oder Strauss erwarten würde. Dass diese so unerhört neue Musik auf so viele alte Formen baut, wird zwar deutlich hörbar, drängt sich aber nie in den Vordergrund. Sandner und das Pfalztheaterorchester beweisen: Berg ist pralle Opernwirklichkeit. Saftiger jedenfalls gibt es die Moderne selten.


Die Sänger müssen dabei abenteuerliche Schwierigkeiten bewältigen und zugleich jene „rhythmische Deklamation“, diesen genau fixierten Sprechgesang beherrschen. Kaiserslautern hat dafür ein großartiges „Wozzeck“-Ensemble gefunden, in dem es keine Ausfälle zu beklagen gibt und das von einem Chor in Bestform sekundiert wird. Bernd Valentins stimmliches und darstellerisches Porträt der Titelfigur berührt zutiefst und lässt das Publikum aufgewühlt zurück. Die Marie von Adelheid Fink ist naive Verführte und sinnliche Verführerin zugleich, die ihre Stimme vom unschuldigen Jungmädchen- bis zum gleißend-flirrenden Verlockungsgesang ausdehnt und dabei mit höchster darstellerischer Präsenz agiert. Beginnend mit Maries Knabe (Liam Röder) über den Doktor (Alexis Wagner) und den Hauptmann (Andrew Zimmermann) bis hin zum Tambourmajor (Carlos Aguirre) und die Nebenrollen ist dieser „Wozzeck“ hervorragend besetzt. Umso bedauerlicher, dass die Premiere nicht ausverkauft war. Bitte hingehen!

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